westwärts führt der Weg

In Gedanken versunken. Ich bin unterwegs mit meinem Sohn auf schmalen, unebenen Pfaden, im Uferbereich der Bickenalb, einem recht stattlichen Bachlauf im südwestlichen Teil des Saarlandes. Ich denke an meine Zeit mit Olaf. Von Gesprächen bei unserer damaligen, täglichen Zusammenarbeit, war meinem jüngeren Arbeitskollegen meine Neigung zur Natur, auch der zur Fotografie bekannt. Olaf war einst übers Wochenende mit seinen Kumpels in einem alten Steinbruch, in Sichtweite der Landeshauptstadt Saarbrücken campen. Beim abendlichen Lagerfeuer gab es Steaks und Grillwürste. Dort, im steinigen Gelände blühen auch viele seltene Blumen, das sind bestimmt Orchideen, erzählte er mir. Aha, interessant dachte ich. Das wäre vielleicht mal ein neues und gleichzeitig mir unbekanntes Fotorevier. Obwohl nicht all zu weit weg von daheim, war ich in der Gegend die Olaf erwähnte, noch nie unterwegs. Doch danach geriet das Gespräch für viele Jahre in Vergessenheit. Mich zieht es in den neunziger Jahren zu den immer gleichen Fotorevieren in die hügelige Landschaft des Bliesgaues, entgegengesetzt der Örtlichkeit, die Olaf meinte. Viele Jahre später. Noch immer im Focus meiner Freizeittätigkeit, Bornbach, Höllscheidertal, Harnickel, die Parr. Naturlandschaften im Grenzbereich zu Frankreich und der Pfalz. Die zahlreichen Wald- und Wiesenwege der Umgebung bieten viel Abwechslung, sind zum Relaxen prima geeignet. Mit an meiner Seite bei den Naturbegehungen von klein auf mein Sohn Dirk. Er sollte vielleicht meine Neigung zur Natur weiterleben, so mein Wunsch. Schon in seiner Jugendzeit erwachte bei ihm das Interesse am Fotografieren, neuerlich nun auch im aufkommenden digitalen System. Nach Jahrelanger analoger Fotografie, ist für mich der Umstieg zur Digitalfotografie mit der Unterstützung von Dirk, der im Computerzeitalter groß wurde, viel leichter zu bewältigen. Zur Digitalfotografie gehört Computerwissen, gehören englische Begriffe, die den Horizont erweitern. So sehe ich das neue Medium nach der Dia-Fotozeit sehr positiv. Wir sind in den ersten Junitagen. Das Maiengrün der Vegetation färbt deutlich dunkler. So vermischt allmählich der Frühling in den Sommer. Mit nassem Schuhwerk vom frühen Morgentau in den Gräsern, sind wir erschöpft auf dem Rückweg zu unserem Auto. Naturmotive sollten es heute mal wieder sein, doch schon den ganzen Vormittag weht der Wind sachte über die hügelige Gaulandschaft im Bliestal. Wind der uns heute Probleme bereiten sollte. Die langen Stiele des Ackerwachtelweizen biegen sich zwischen Grashalmen. Da ist Geduld angemahnt. Doch die windigen Phasen werden ab und zu auch mal schwächer. Dann gilt es, der Auslöser der Kamera wird eifrig gedrückt. Gemeinsam mit Dirk trotte ich zum Parkplatz. Es ist inzwischen Mittag und wir haben noch eine gute halbe Stunde zu maschieren. Die Strecke auf unebenen, löchrigen Feldwegen zum Auto ist mühsam. Dirk erzählt unentwegt, bringt mich so auf andere Gedanken. Ich möchte eigentlich nicht mehr viel reden, doch mein Sohn lässt nicht locker, er möchte mal was Neues sehen, nicht immer nur die gleiche Landschaft. So erinnere ich mich nun an das Gespräch mit Olaf und dem alten Steinbruch. Doch wo war dieses Gelände zu finden? Die Beschreibung der Örtlichkeit war mir nach den vielen Jahren nur vage im Gedächtnis geblieben. Dennoch, unsere folgende Suche einige Wochen später, hatte relativ rasch Erfolg. Am Rande eines Mischwaldes, eingebettet im Wiesengelände im Biosphärenland Bliesgau, entdeckten wir den Grillplatz von Olaf, in einem ....Naturschutzgebiet. Wir standen am Rande eines Talkessels. Vor uns der sogenannte Steinbruch, recht weitläufig und nicht überall einsehbar. Dieser Anblick machte mächtig Eindruck. Unsere Neugier war geweckt. Hier nun fanden wir jetzt mittlerweile schon seit Jahren reizende und auch seltene Fotomotive. Mitte Juli. Ich bin alleine unterwegs. Ein helles, bräunliches Gewächs im vermoderten Streu in Bodennähe erweckt schon aus größerer Entfernung mein Interesse. Am schmalen Wanderweg gedeiht eine Rarität unserer heimischen Natur, ein einzelnes Exemplar Buchenspargel, so meine nachfolgende Recherche. Mir war sogleich bewusst, etwas seltenes zu sehen. Staunend begutachtete ich längere Zeit das Heidekrautgewächs, dessen Wachstum erst der viele Regen im Frühjahr 2013 ermöglichte. Der Buchenspargel benötigt zum Wachstum einen feuchten, gut durchnässten Boden, so ist nachzulesen. Wochen später, Mitte August. Dieser unvergleichliche Duft in der Luft, passend zur Jahreszeit, kein Zweifel, der nahende Herbst lässt sich erahnen. Eine mühselige Sucherei kann in diesem Zeitraum beginnen. Das Aufspüren der Gottesanbeterin in Gräsern und Gestrüpp . Wer schaut dann schon nach der Samenkapsel der Orchidee oder der kleinen, niederen Blüte des Augentrostes, viel eher gilt der Blick dem auffälligen Fransenenzian. Der dunkelviolette Enzian, die eigentliche Alpenblume, soweit nördlich im Saarland, ich bin verwundert. Fremdartiges, exotisches Erscheinungsbild, von manchen Menschen auch Alien genannt. Gemeint ist die Gottesanbeterin, die Mantis Religiosa, so der lat. Name. Fliegend erobert sie Neuland. Erst seit wenigen Jahren ist das Raubinsekt im Bliesgau zu beobachten. Sie sticht nicht und sie beisst nicht. Fast anmutig sitzt sie auf meiner Hand. Fazinierend, wenn die Gottesanbeterin ihren dreieckigen Kopf drehend, mich anvisiert. Unerschöpflich erscheint mir die Vielfalt der Flora und Fauna im Lehmboden, der vergessenen, einstigen Arbeitswelt. Ruinen zugewuchert, dem Verfall preisgegeben. Es waren wohl die damaligen Bürogebäude. Zurückgeblieben und verwildert. Gelbe Stechkarten stempeln bei Arbeitsbeginn und Feierabend, so war es üblich. Was gab es wohl durch diese Fenster zu sehen, wer verrichtete hier seine Arbeit und bei welcher Tätigkeit. Die vielen zurückliegenden Jahreszeiten haben Spuren hinterlassen. Jetzt besteht nur noch Einsturzgefahr. Schraubenköpfe von Gleisanlagen, zugewuchert, Stolperfallen auf den Wegen. Zeitzeugen einer Epoche der Industrie lassen die Phantasie walten. Im Saarland war der Niedergang der Stahlindustrie in den 1960er Jahren absehbar. Der Kalkabbau für Hochöfen wurde am hier am Birzberg überflüssig. Zur weiteren Nutzung des stillgelegten Industriegebietes, gab es in der Folgezeit Politische Gedankenspiele zum Bau von Wohnsiedlungen. Doch der Mensch ließ die Natur ruhen. So wurde das Natürliche hier zur Normalität.

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